
Ein kleiner Blick in den Wald
Malia trifft Knorz
Da bewegte sich etwas zwischen den Bäumen.
Jemand kam näher.
Malia richtete sich auf.
Das war keine Fee.
Es war ein Kobold.
Klein, mit spitzen Ohren, dunkler abgetragener Kleidung, schmutzigen Schuhen und einer viel zu großen, zerknitterten Mütze.
Sein Gesicht sah aus, als hätte es das Lächeln schon vor langer Zeit vergessen.
Malia starrte ihn an.
Der Kobold blieb stehen.
„Was gibt es denn da zu glotzen?“
Malia blinzelte.
„Ich glotze nicht.“
„Dann glotzt du eben nicht.“
Er ging weiter. Direkt auf die dunkle Behausung zu.
Malia riss die Augen auf.
Das war sein Zuhause!
Plötzlich erinnerte sie sich an den Kobold, nach dem sie gestern gesucht hatte.
„Bist du Knorz?“
Der Kobold blieb stehen.
„Wer will das wissen?“
„Ich bin Malia.“
„Hab ich nicht gefragt.“
Malia wusste für einen Moment nicht, was sie darauf sagen sollte.
Knorz zeigte in den Wald.
„Geh nach Hause.“
Eigentlich hätte Malia jetzt gehen können. Vielleicht sogar sollen.
Stattdessen platzte es aus ihr heraus:
„Ich war gestern in deinem Haus!“
Knorz erstarrte.
Ganz langsam drehte er sich zu ihr um.
„Du … warst WO?“
Malia starrte Knorz aus ihren großen veilchenblauen Augen ängstlich an.
Er war wirklich sehr, sehr wütend.
Schnell suchte sie nach einer Erklärung, einer Entschuldigung, nach irgendetwas, das ihn beruhigen könnte.
„Ich habe nichts kaputt gemacht“, sagte sie hastig. „Und ich habe auch nichts weggenommen.“
Knorz’ Blick veränderte sich.
Die Wut verschwand nicht ganz, aber etwas anderes trat an ihre Stelle.
Traurigkeit.
„Doch“, sagte er leise. „Genau das hast du.“
Malia verstand nicht.
„Du hast mir meine Ruhe genommen“, sagte Knorz. „Und meinen Frieden zerstört.“
„Das verstehe ich nicht.“
Knorz sah sie an.
„Du warst in meinem Zuhause. Ohne dass ich dich eingeladen habe.“
„Aber ich wusste doch gar nicht, dass es dein Zuhause ist“, erwiderte Malia. „Das macht es doch wenigstens ein bisschen besser.“
„Nein.“
Malia runzelte die Stirn.
Knorz schüttelte den Kopf.
„Du verstehst es nicht.“
„Nein“, gab Malia zu. „Überhaupt nicht.“
Sie dachte kurz nach.
„Wenn jemand in mein Zuhause gehen würde, während ich nicht da bin, und es sich dort gemütlich macht, würde ich mich freuen.“
Knorz sah sie an.
„Du freust dich über Gesellschaft.“
„Natürlich!“
„Ich nicht.“
„Immer?“
„Ja.“
„Auch beim Essen?“
„Ja.“
„Und abends?“
„Ja.“
Malia zögerte.
„An Weihnachten auch?“
Knorz verzog das Gesicht, als hätte sie etwas besonders Unangenehmes gesagt.
„Vor allem an Weihnachten.“
Malia betrachtete ihn.
„Du bist wirklich ein sehr merkwürdiger Kobold.“
„Und du bist eine sehr lästige Elfe.“
Damit verschwand Knorz in seiner Behausung und schloss die Tür.
Malia blieb davor stehen.
„Sehr lästig“, murmelte sie.
Das fand sie nun wirklich übertrieben.
Dann breitete sie ihre Flügel aus und flog davon.
Knorz war ohne Zweifel der seltsamste Kobold, dem sie je begegnet war.
Und leider auch der interessanteste.
